Schweizer Pensionskassen beschäftigen die besten Vermögensverwalter des Landes. Ich habe ihre Leistung über 26 Jahre gegen neun stumpfe, passive Portfolios gemessen. Das Ergebnis ist keine knappe Sache: Jedes einzelne passive Portfolio lag vorn – und in keinem einzigen von 193 Zehn-Jahres-Fenstern schlugen die Profis alle Alternativen.
Gemessen an der einfachen Lösung wird hier über Jahrzehnte Vermögen vernichtet.
Die Finanzwissenschaft ist sich in kaum etwas so einig wie hier: Aktives Management – also der Versuch, durch geschickte Auswahl den Markt zu schlagen – gelingt langfristig fast niemandem. Genau das liess mir keine Ruhe. Denn wenn es irgendjemand schaffen müsste, dann die Schweizer Pensionskassen: Milliardenvolumen, Zugang zu den besten Managern, jede Anlageklasse der Welt. Also habe ich für meine Masterarbeit nachgerechnet, ob die absoluten Profis den Beweis erbringen – oder ob auch sie an der Arithmetik scheitern.
Ich habe die tatsächliche Nettoperformance der Schweizer Pensionskassen von 2000 bis 2025 gegen neun simple passive Portfolios gestellt. Das Urteil in drei Zahlen:
Kein Ausreisser, kein Zufall: Über 26 Jahre gab es keinen einzigen Zehn-Jahres-Zeitraum, in dem die teuer verwalteten Pensionskassen besser abschnitten als alle neun stumpfen Vergleichsportfolios. Die Arbeit wurde mit der Bestnote 6 bewertet – hier ist, was drinsteht.
Damit der Vergleich hält, braucht er faire Spielregeln. Auf der einen Seite steht die tatsächliche, aggregierte Nettoperformance der Schweizer Pensionskassen, gemessen am Credit-Suisse- bzw. UBS-Pensionskassenindex – also das, was die Kassen nach Kosten wirklich erwirtschaftet haben.
Auf der anderen Seite stehen neun passive Referenzportfolios aus nur zwei Bausteinen: globale Aktien (zu 70 % gegen Währungsschwankungen abgesichert) und Schweizer Obligationen. Die Mischungen reichen von offensiv (70 % Aktien / 30 % Obligationen) bis defensiv (30 % Aktien / 70 % Obligationen), in 5-Prozent-Schritten – dazwischen liegt praktisch jedes Risikoprofil, das eine Schweizer Pensionskasse fährt. Abgezogen werden auch hier laufende Kosten von 0.10 % pro Jahr.
Über die gesamten 26 Jahre erzielten die Pensionskassen 2.63 % Rendite pro Jahr. Selbst die defensivste passive Mischung (30 % Aktien) schaffte 3.19 %, die offensivste 4.23 %:
Ein guter Prozentpunkt Unterschied pro Jahr klingt nach wenig. Über 26 Jahre ist er ein Abgrund. Aus 100 Franken wurden bei den Pensionskassen 196 – beim offensivsten passiven Portfolio 294. Der «sichere Profi» liess also fast die Hälfte des möglichen Vermögenszuwachses liegen:
Wer 2000 sein Geld den Profis gab, hat es fast verdoppelt. Wer es stumpf in ein 70/30-Portfolio legte und nie wieder anschaute, hat es fast verdreifacht.
Ein guter Prozentpunkt Unterschied pro Jahr klingt nach wenig. Ist es aber nicht: Beim Zinseszins gibt es keine kleinen Zahlen. Über ein Erwerbsleben summiert sich so ein Rückstand auf ein spürbares Loch im Alterskapital – und das Muster zeigt sich nicht nur über die Gesamtperiode, sondern in allen untersuchten Teilperioden.
«Dafür schwanken Pensionskassen weniger» – das ist das Standardargument. Es stimmt, aber nur gegenüber aktienlastigen Portfolios. Der Blick auf den maximalen Verlust (Maximum Drawdown) entzaubert es:
Das defensivste passive Portfolio verlor im schlimmsten Moment exakt gleich viel wie die Pensionskassen – lieferte aber mehr Rendite. Auch risikoadjustiert dreht das Bild: Die Sharpe Ratio des 30/70-Portfolios (0.62) liegt über jener der Pensionskassen (0.53), und bei der Pain Ratio – sie misst, wie viel Rendite du pro Einheit «Verlustschmerz» bekommst – ist der Abstand mit 1.42 zu 0.70 sogar doppelt so gross.
Jeder Langzeitvergleich hat eine offene Flanke: Hängt das Ergebnis vom gewählten Start- und Endpunkt ab? Wer 2000 auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase startet, rechnet anders als jemand, der 2009 im Tief beginnt. Um diese Flanke zu schliessen, habe ich jeden möglichen Einstiegszeitpunkt geprüft.
Das Ergebnis dieser 193 Fenster ist das deutlichste der ganzen Arbeit:
Lesebeispiel: Gegenüber dem Portfolio 60/40 lag die Pensionskassen-Performance in 100 % aller 193 Zeiträume zurück. Es gab schlicht keinen Zehn-Jahres-Einstiegszeitpunkt in 26 Jahren, zu dem sich der Aufwand gegenüber einer mittleren passiven Mischung gelohnt hätte.
Auch über kürzere 5-Jahres-Fenster (253 Stück) bleibt das Bild gleich: Nur in 2.4 % der Fälle schlug die PK alle Alternativen. Und der vielleicht überraschendste Einzelbefund: Die defensiven passiven Portfolios hatten seltener negative 5-Jahres-Phasen (0.4–0.8 %) als die Pensionskassen selbst (4.7 %). Selbst beim Kapitalschutz – dem Heimspiel der Kassen – liegt die einfache Lösung vorn.
Ein systematischer Mehrwert müsste sich über praktisch alle Einstiegszeitpunkte zeigen. Die Daten zeigen das Gegenteil – über praktisch alle Einstiegszeitpunkte.
Für alle, die es genau wissen wollen – hier die vollständige Auswertung beider Zeithorizonte. Die Zeile «Fenster mit PK hinter Portfolio» ist die entscheidende: Sie zeigt, in wie vielen der rollierenden Zeiträume die Pensionskassen hinter dem jeweiligen passiven Portfolio lagen.
| Kennzahl | PK | 70/30 | 65/35 | 60/40 | 55/45 | 50/50 | 45/55 | 40/60 | 35/65 | 30/70 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Mittelwert | 2.94% | 5.22% | 5.02% | 4.81% | 4.60% | 4.39% | 4.17% | 3.95% | 3.73% | 3.50% |
| Median | 3.12% | 5.57% | 5.34% | 4.97% | 4.68% | 4.38% | 4.08% | 3.78% | 3.56% | 3.40% |
| Minimum | -0.77% | -2.62% | -2.27% | -1.92% | -1.58% | -1.25% | -0.92% | -0.60% | -0.29% | -0.20% |
| Maximum | 6.70% | 13.68% | 12.82% | 11.97% | 11.29% | 10.62% | 9.95% | 9.28% | 8.61% | 7.93% |
| Anteil negativer Fenster | 4.7% | 10.7% | 8.3% | 5.1% | 2.8% | 1.2% | 0.8% | 0.8% | 0.4% | 0.8% |
| Fenster mit PK hinter Portfolio | – | 86% | 89% | 92% | 96% | 95% | 90% | 86% | 74% | 62% |
| Kennzahl | PK | 70/30 | 65/35 | 60/40 | 55/45 | 50/50 | 45/55 | 40/60 | 35/65 | 30/70 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Mittelwert | 2.90% | 5.10% | 4.94% | 4.76% | 4.59% | 4.40% | 4.21% | 4.02% | 3.82% | 3.61% |
| Median | 2.97% | 5.40% | 5.15% | 4.84% | 4.59% | 4.28% | 4.09% | 3.91% | 3.78% | 3.67% |
| Minimum | 0.90% | 0.80% | 1.09% | 1.37% | 1.64% | 1.87% | 2.08% | 2.28% | 2.41% | 2.10% |
| Maximum | 4.96% | 9.32% | 8.86% | 8.41% | 7.95% | 7.49% | 7.03% | 6.57% | 6.10% | 5.63% |
| Anteil negativer Fenster | 0.0% | 0.0% | 0.0% | 0.0% | 0.0% | 0.0% | 0.0% | 0.0% | 0.0% | 0.0% |
| Fenster mit PK hinter Portfolio | – | 96% | 98% | 100% | 100% | 100% | 100% | 100% | 84% | 71% |
PK-Spalte hervorgehoben. «Anteil negativer Fenster» = Anteil der Zeiträume mit negativer Jahresrendite. «Fenster mit PK hinter Portfolio» = Anteil der Zeiträume, in denen die Pensionskassen schlechter abschnitten als das jeweilige Portfolio. Quelle: eigene Berechnungen, MAS-Thesis 2026.
Nominale Renditen sind Schaufensterzahlen – was zählt, ist die Kaufkraft. Die Schweizer Teuerung betrug im Untersuchungszeitraum durchschnittlich 0.56 % pro Jahr. Von den 2.63 % der Pensionskassen bleiben real also noch rund 2.07 % pro Jahr. So schnell wächst die tatsächliche Kaufkraft des Vorsorgevermögens – nicht schneller.
Natürlich trifft die Inflation auch die passiven Portfolios. Aber ihr Vorsprung bleibt vollständig erhalten – und relativ betrachtet wiegt er real noch schwerer: Von einer kleineren Zahl tut jeder fehlende Prozentpunkt mehr weh.
Der häufigste Einwand – und er greift aus zwei Gründen zu kurz:
Erstens: Die Aktienquote ist selbst eine aktive Entscheidung. Wie viel Risiko eine Kasse nimmt, ist Kern ihrer Anlagestrategie – und gehört damit zur Leistung, die beurteilt wird.
Zweitens: Der Vergleich kontrolliert genau dafür. Deshalb neun Portfolios über die ganze Risikospanne: Auch die Mischungen mit ähnlichem oder tieferem Risiko als die Pensionskassen (40/60, 35/65, 30/70) schnitten besser ab – bei der Rendite, bei der Sharpe Ratio, bei der Pain Ratio und in der rollierenden Betrachtung. Der Rückstand lässt sich nicht mit der Vorsicht der Kassen wegerklären.
Das Ergebnis überrascht in der Finanzwissenschaft niemanden. Es ist die logische Folge von zwei der bestbelegten Erkenntnisse der Branche.
Erstens die Markteffizienz. Der Ökonom Eugene Fama – später Nobelpreisträger – zeigte schon 1970, dass an liquiden Märkten alle öffentlich verfügbaren Informationen bereits im Kurs stecken. Tausende hochbezahlte Profis mit Hochleistungsrechnern beobachten jeden Winkel; sobald eine Aktie einen Moment zu billig ist, wird sie gekauft – der Preis springt aufs faire Niveau. Damit ein Manager systematisch gewinnt, müsste er dauerhaft schlauer sein als die geballte Konkurrenz aller anderen Profis zusammen – und das auch noch um genug, um seine hohen Gebühren wieder hereinzuholen. Ein paar schaffen das in einzelnen Phasen. Aber im Voraus weiss niemand, welche.
Genau deshalb ist das Ergebnis so eindeutig – und deshalb wollte ich es an den Pensionskassen prüfen: Wenn selbst die grössten, bestausgestatteten Anleger der Schweiz die simple Regel nicht schlagen, dann ist «aktiv schlägt passiv» empirisch praktisch widerlegt. Die grossen internationalen SPIVA-Studien messen dasselbe: Über zehn Jahre verfehlen rund 98 % der aktiven Fonds ihren simplen Vergleichsindex. Die Pensionskassen sind keine Ausnahme – sie sind die Regel, angewandt auf eine Billion Franken. Dasselbe Muster habe ich übrigens bei den aktiven Säule-3a-Fonds gefunden.
Deine Pensionskasse kannst du dir nicht aussuchen – die wählt dein Arbeitgeber. Machtlos bist du trotzdem nicht. Drei Dinge kannst du aus diesen Daten mitnehmen:
Schweizer Pensionskassen haben von 2000 bis 2025 nach Kosten keinen systematischen Mehrwert gegenüber einer simplen passiven Strategie erzielt – nicht über die Gesamtperiode, nicht in den Teilperioden, nicht risikoadjustiert und in keinem einzigen der 193 rollierenden Zehn-Jahres-Fenster gegenüber allen Alternativen. Das ist kein Vorwurf an einzelne Kassen, sondern die seit Jahrzehnten bekannte Arithmetik des aktiven Managements – angewendet auf eine Billion Franken Schweizer Vorsorgevermögen.
Und genau deshalb ist das kein akademisches Nischenthema, sondern eine Frage, die uns alle betrifft. Wenn eine ganze Branche die einfache Alternative über 26 Jahre systematisch verfehlt und dafür auch noch üppige Gebühren an Vermögensverwalter und Fondsmanager überweist, dann braucht es Rechenschaft.
Es geht nicht darum, jede aktive Entscheidung zu verbieten. Es geht darum, dass die Beweislast dort liegt, wo sie hingehört: bei denen, die für teures aktives Management das Geld der Versicherten ausgeben.
«Solange diese Rechenschaft fehlt, zahlen Millionen Schweizerinnen und Schweizer für eine Leistung, die es in den Daten schlicht nicht gibt.»
Dieser Beitrag dient der Finanzbildung und ist keine Anlage-, Steuer- oder Vorsorgeberatung. Er trifft keine Aussage über einzelne Pensionskassen, sondern über die aggregierte Performance; einzelne Kassen können besser oder schlechter abschneiden. Vergangene Renditen sind keine Garantie für die Zukunft. Die berufliche Vorsorge erfüllt neben der Vermögensanlage weitere Aufgaben (Versicherungsschutz, Umverteilung, regulatorische Vorgaben), die ein reiner Performancevergleich nicht abbildet.
Bei TrueFinance geht es um Finanzbildung ohne Interessenskonflikte – keine versteckten Provisionen, keine Produktverkäufe. Die Zahlen in diesem Beitrag stammen aus meiner MAS-Thesis in Corporate Finance: 26 Jahre Monatsdaten, neun Referenzportfolios, alle Berechnungen selbst durchgeführt und dokumentiert.
Genau deshalb zeige ich dir transparent jede Zahl und jede Quelle – damit du deine Vorsorge-Entscheidungen selbst und gut informiert treffen kannst, ohne dass dir jemand etwas verkaufen will.
Alle Angaben und Berechnungen erfolgen ohne Gewähr auf Richtigkeit oder Vollständigkeit und dienen ausschliesslich Informations- und Bildungszwecken. Sie stellen keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse; Kapitalanlagen bergen Verlustrisiken bis zum Totalverlust. Ziehe bei konkreten Entscheidungen einen unabhängigen Fachspezialisten bei.